Übrigens...

 

Der vorliegende Artikel wurde mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verabredet. Nachdem dieser im Februar 2003 bei der Frankfurter eingereicht, bis heute aber nicht veröffentlicht wurde, entschließe ich mich nun, meinen Beitrag zur Publikation von John Shearman ins Netz zu stellen.

Jürg Meyer zur Capellen


John Shearmans Leitfaden zu Raffael

Ende des Jahres 2003 wurde die seit langem erwartete Quellenedition von John Shearman zum Werk Raffaels (1483-1520) veröffentlicht. Der englische Autor, der auf dem Feld der historischen Raffaelforschung eine herausragende Persönlichkeit unserer Zeit war, lehrte an der Havard University und verstarb im August 2003 als Professor Emeritus. Als Fachmann insbesondere für die Kunst der Renaissance wirkte er in Lehre und Forschung. Seine Publikationen zu Raffael erschienen bereits seit 1965, unter diesen Standardwerke wie etwa der Katalog zu den Kartons und Teppichen Raffaels für die Sixtinische Kapelle (London 1972).

Nun war jede wissenschaftliche Beschäftigung mit Raffael bisher auf die Quellensammlung des Vincenzo Golzio (Città del Vaticano 1936) angewiesen, eine immerhin schon 378 Seiten umfassende Schrift, der Shearman sich zutiefst verpflichtet wusste und die er in seiner Einleitung als eines der nützlichsten jemals geschriebenen Bücher bezeichnete. Zugleich kannte man die Schwächen des Golzio, die etwa darin bestehen, dass zahlreiche Dokumente nur in Auszügen abgedruckt sind, dass deren kritische Würdigung nach heutigen Vorstellungen unzureichend ist und dass die in den letzten Jahrzehnten entdeckten Dokumente naturgemäß nicht aufgenommen sein konnten. Shearman begann nach eigener Aussage bereits in den sechziger Jahren mit einer zunächst nicht systematischen Sammlung von Addenda und Corrigenda, entschloss sich dann aber zu einer grundlegenden Neupublikation. Dieses Vorhaben wurde im Raffael-Jahr 1983 öffentlich gemacht, und Luitpold Frommel und Matthias Winner sagten als damalige Direktoren der Bibliotheca Hertziana, des römischen Max-Planck-Instituts für Kunstgeschichte, die Unterstützung des ehrgeizigen Projekts seitens ihrer Institution zu. Sie entsprachen damit dem Ruf und der Verpflichtung der Bibliotheca Hertziana als international ausgerichteter kunstgeschichtlicher Forschungseinrichtung. Dass indes noch zwanzig Jahre bis zur Publikation verstreichen mussten, ist zunächst der Tatsache geschuldet, dass nun alle bisher bekannten Erwähnungen Raffaels, seiner Familie, seines Besitzes und seiner Werke in die Urkundensammlung aufgenommen worden sind. Zudem hat er so gut wie alle der etwa 1.100 buchstäblich über die ganze Welt verstreuten Texte, seien es Urkunden oder gedruckte Quellen, im Original bzw. in den einschlägigen frühen Ausgaben geprüft, wenngleich die Texte als solche und nicht etwa hinsichtlich ihres materiellen Befundes erörtert werden. Vor allem aber war es die wissenschaftliche Unerbittlichkeit des Autors, der niemals Forschungsassistenten einstellte, sondern auch scheinbar sekundäre Arbeiten selbst ausführte, die eine derart lange Arbeitszeit an diesem Projekt forderte.

Hinsichtlich der Begrenzung auf die Zeit von 1483 bis ca. 1600 folgt Shearman Golzio ohne einen weiteren Kommentar. Man darf ergänzen, dass eine Ausweitung auf die späteren Jahrhunderte schlicht nicht zu bewältigen gewesen wäre, es sei denn, man hätte auf das Ziel einer vollständigen Bibliographie zu jedem einzelnen Dokument verzichtet. Der gewaltige Umfang seiner Publikation im Vergleich zu jener des Vincenzo Golzio ist indes weniger in der Tatsache begründet, dass in der Zwischenzeit eine Fülle von neuen Dokumenten und Quellen aufgetaucht wäre, sondern eher in einem gewandelten Wissenschaftsverständnis. Shearman gibt nicht nur alle Urkunden und Quellen in einer sorgfältig geprüften Edition, sondern alle Einträge - sieht man einmal von der Raffael-Vita des Vasari ab - erhalten erschöpfende Bibliographien, manche von diesen mit mehr als zweihundert Verweisen. Bedeutsamer allerdings als die schiere Zahl der bibliographischen Nachweise sind die Kommentare von Shearman zu den jeweiligen Einträgen. In diesen erweist sich seine Vertrautheit mit den geschichtlichen Zusammenhängen, präzisiert er oft Bedeutung und Gehalt der betreffenden Quelle und gibt nicht zuletzt aufschlussreiche Abrisse zu deren Wissenschaftsgeschichte.

Bemerkenswert ist der einführende Essay zum Charakter von und zum Umgang mit historischen Dokumenten, eine Darstellung, die für jeden interessant sein dürfte, der sich mit historischen Fragen beschäftigt. So setzt sich Shearman im Kontext der von ihm als falsch eingestuften Dokumente beispielsweise mit "Erfindungen" von Autoren wie denen des Bologneser Lokalhistorikers Graf Carlo Cesare Malvasia auseinander. Oder er erörtert die Tätigkeit einer römischen Fälscherwerkstatt des 19. Jahrhunderts, welche die Nachfrage nach handschriftlichen Dokumenten berühmter Persönlichkeiten auf der Grundlage jüngster archivalischer Kenntnisse mit großem Erfolg lancierte. Wichtiger aber als derartige Einzelheiten ist Shearmans Plädoyer gegen ein äußerliches Vertrauen in scheinbar überlieferte Tatbestände und für einen reflektierten Umgang mit historischen Dokumenten. Er vergleicht treffend die mühevolle Arbeit an diesen mit der Forschung der Archäologen: die Zeit der spektakulären Einzelfunde sei vorbei, heute gelte es, die Zusammenhänge zu rekonstruieren, den Aussagewert in einem Netz möglicher Beziehungen zu gewinnen. Als ein Beispiel möge hier der Briefwechsel zwischen Herzog Alfonso d'Este und seinen Mittelsmännern in Rom dienen, der bereits 1514 einsetzt, aber erst seit März 1517 mit einer dichten Folge von Dokumenten belegt ist - viele von diesen sind jüngere Funde der beiden letzten Jahrzehnte. Insbesondere die Korrespondenz aus den letzten vier Lebensjahren des Künstlers belegt das Bemühen von Herzog Alfonso um ein Gemälde von der Hand Raffaels für sein Camerino. Mit allen Mitteln suchte Alfonso durch seine Gesandten sein Ziel zu erreichen, beschwerte sich zuletzt erbittert darüber, dass die ihm widerfahrene Behandlung seine herzogliche Würde verletze. Raffael dagegen suchte sich seinen Verpflichtungen zu entziehen, indem er zwei Kartons von in anderem Auftrag entstandenen Gemälden dem Herzog überließ, verwies zudem immer wieder auf seine Verpflichtungen dem Papst gegenüber und ließ gelegentlich die Gesandten des Herzogs vor der Tür stehen. Tatsächlich ist es erst die Fülle der Dokumente, die uns einen intimen Einblick in das Verhältnis von Künstler und Auftraggeber erlaubt und die zugleich die Freiheiten erkennen lässt, die sich ein Künstler vom Rang Raffaels nehmen konnte.

Bezüglich des Umganges mit Dokumenten vertritt Shearman zudem eine zeitgemäße Position, wenn er Urkunden ihren eigenen historischen Kontext zubilligt, innerhalb dessen sie auf ihre Aussagekraft überprüft, gegebenenfalls aber auch in ihrer Widersprüchlichkeit gewürdigt werden müssen. In diesem Zusammenhang verweist er beispielhaft auf den interessanten Brief des Gesandten Gian Francesco Grossi vom 16. August 1511 an Isabella d'Este in Mantua. In diesem berichtete der Gesandte zunächst, der Papst habe die von Raffael gemalte Sixtinische Decke unter großem Beifall enthüllt. Der offensichtliche Irrtum von Grossi, der Raffael mit Michelangelo verwechselte, hat dazu geführt, dass diese Passage des Briefes in der einschlägigen Literatur zu Raffael so gut wie gar nicht auftaucht. Im zweiten Teil seines Schreibens erwähnte Grossi dann, er habe gehört, der Papst wünsche in einem der auszumalenden Räume (entweder in der Stanza della Segnatura oder der Stanza dell'Eliodoro) ein Porträt des jungen Federico Gonzaga, der sich als Geisel am päpstlichen Hof befand. Diese Nachricht führte seitens der Kunstgeschichte zu Identifizierungsversuchen auf den Fresken in diesen beiden Räumen, wobei indes nicht beachtet wurde, dass Grossi lediglich von der Absicht des Papstes sprach und nicht von einer Ausführung des Porträts. So zeigt denn dieses Exempel treffend, dass erst eine genaue Lesung eines Dokuments einen wissenschaftlich vertretbaren Umgang mit ihm ermöglicht - in diesem Fall bedeutet es unter anderem, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass auch Augenzeugen irren können und dass mitgeteilte Absichten nicht mit Fakten verwechselt werden dürfen. Shearman besteht ferner darauf, dass Urkunden nicht per se, sondern eher beiläufig zu historischem Quellenmaterial werden, sind sie doch ursprünglich zu ganz anderen Zwecken verfasst worden.

In einer anderen Passage, die der Autor mit Resistance to Documents überschreibt und die man mit Negierung von Dokumenten übersetzen könnte, macht er auf einen interessanten Fall aufmerksam. Obwohl bereits im Jahr 1822 der frühe Raffael-Biograph Luigi Pungileoni das Todesdatum von Raffaels Vater Giovanni Santi (1. August 1494) publiziert hatte, wurde der berühmte Brief der Giovanna Feltria della Rovere an den Gonfaloniere della Giustizia in Florenz, Pier Soderini, weiterhin als wichtige Quelle zur Vita des jungen Raffael zitiert. In diesem Brief aus dem Jahr 1504 empfahl die Herzogin den jungen Künstler dem Florentiner Staatsoberhaupt und erwähnte dessen Vater beiläufig als noch lebend (... il padre so, che Þ molto virtuoso ... - ... und sein Vater, der sehr tugendhaft ist ....). Die Diskussion um die Echtheit dieses Briefes wurde nur von wenigen Autoren geführt, doch liegt das eigentliche Problem darin, dass das 1754 von Giovanni Gaetano Bottari veröffentlichte Dokument seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verschollen ist. Shearman argumentiert nun sehr feinsinnig, dass der Brief eine Fälschung sein müsse, sei es von Bottari selbst oder diesem untergeschoben, um den Werdegang des jungen Künstlers zu illustrieren. Ein derartiges Vorgehen ist keinesfalls singulär und reicht letztlich in die Frühzeit der Kunstgeschichtsschreibung zurück, in der historische Nachrichten und literarische Erfindung eine oft schwer aufzuschlüsselnde Verbindung miteinander eingingen - die Viten des Giorgio Vasari bieten das beste Beispiel. Im konkreten Fall bleibt es heikel, ein endgültiges Urteil über diesen ja auch inhaltlich ungewöhnlichen Brief zu fällen. Es geht letztlich um ein Wort, das Þ (ist), das zum einen zur Ablehnung des Dokuments führte, das aber die Befürworter der Echtheit lediglich als eine Verschreibung interpretiert haben. Eine Verurteilung in absentia, wie sie Shearman vornimmt, ist problematisch und man wird annehmen dürfen, dass dieser Brief seine Rolle in der Literatur zu Raffael noch nicht ausgespielt hat, wenngleich man mit ihm wird vorsichtiger umgehen müssen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man nicht mit allen Ansichten von Shearman einverstanden sein muss und dass auch ihm Fehler unterlaufen, doch berührt dies nicht den Wert des Gesamten. Sein Werk kann man schon jetzt als unverzichtbar für jede künftige wissenschaftliche Beschäftigung mit Raffael bezeichnen. Die zahlreichen jüngeren Quellenfunde, die noch keinen Eingang in die Sammlung von Golzio finden konnten, differenzieren den Blick auf den Künstler, wenngleich sie ihn nicht grundsätzlich wandeln. Vor allem sind es die kenntnisreichen Kommentare des Autors, die viele neue oder wiederentdeckte Einsichten vermitteln und wesentlichen dazu beitragen, das historische Profil des Künstlers zu schärfen. Auch garantiert seine Entscheidung, alle Quellen und Dokumente konsequent chronologisch zu ordnen und auf die von Golzio angestrebte Systematik zu verzichten, eine bessere Benutzbarkeit, zumal mehrere Indizes und eine Konkordanz zu Golzio den gesamten Befund aufschlüsseln helfen. Zudem wurden mehrfach überlieferte Texte in ihren unterschiedlichen Fassungen wiedergegeben und wichtige, in lateinischer oder in griechischer Sprache verfasste Dokumente ins Englische übertragen, eine Entscheidung, die im ersten Fall dem Wunsch nach philologischer Korrektheit entspricht, im zweiten eine leichtere Benutzbarkeit gewährleistet.

Wissenschaftliche Arbeiten wie die nun vorgelegte Quellensammlung von John Shearman gehören zu einer Grundlagenforschung, die heute nur noch selten unternommen wird, ja unternommen werden kann. Hier war es insbesondere die Unterstützung seitens der Bibliotheca Hertziana, die das Vorhaben mit Julian Kliemann seit 1994 redaktionell und wissenschaftlich betreute und damit eine adäquate Veröffentlichung letztlich erst garantierte. Es wurde daraus die umfangreichste Quellenpublikation, welche die Bibliotheca Hertziana jemals herausgegeben hat.

John Shearman. Raphael in Early Modern Sources 1483-1602. New Haven und London,
Yale University Press, 2003. 2 Bde., 1.706 Seiten, 37 Abbildungen, Ç 80,00 ($ 125.00).
ISBN 0-300-09918-5.


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